Das Herz des Vampirs
Die Liebe eines
menschlichen Wesens hatte Jason Dawn vor gar nicht allzu langer Zeit eine Art
von „Seele“ zurückgegeben. Er hatte sie nicht gebissen und doch ihr Blut
getrunken, das sie freiwillig gegeben hatte, und er hatte sie auch nicht
getötet.
Aus einem seelenlosen
Untoten, der mit seinem Dasein und mit Gott haderte, war ein Kämpfer für die
Gerechtigkeit geworden, der Seite an Seite mit den Kommissaren Harald Welsch
und Rita Hold gegen das Verbrechen kämpfte.
Doch er kämpfte noch einen
anderen – inneren – Kampf, genau wie die Frau, die ihn liebte – Rita Hold.
Nur ein Blutsbündnis mit
einem Grenzgänger-Vampir konnte ihre beiden Welten einander angleichen, um
dieser Liebe eine Zukunft zu geben, ohne
den Menschen zum Vampir werden zu lassen.
Der Preis dafür war hoch:
Dazu musste die zeitliche Trennung aufgehoben und ein Mensch unsterblich
werden. Eine menschliche Seele musste auf ihr Recht auf Tod und Wiedergeburt
freiwillig verzichten. Und diese Tatsache würde Jason Dawn endgültig von dem
Fluch des Bluttrinkens erlösen, nicht jedoch aus der Unsterblichkeit befreien.
Sollte er aber in seine alte Natur zurückfallen, so würde er die menschliche
Seele mit in das Verderben reißen. Aber es war die einzige Möglichkeit, ein
unendliches Leben lang mit Rita zusammen bleiben zu können, wenn sie bereit
sein würde, ein paar Tropfen seines Blutes zu trinken, um den Energieaustausch
zu vollziehen.
Seit einiger Zeit war Jason
inzwischen auf der Suche nach einem der Grenzgänger, die sehr selten waren. Sie
entstanden zu der Zeit, als die Evolution den Vampiren neue Fähigkeiten verlieh
und die alten wie die neuen Eigenschaften ineinander übergingen. Und während
die alten „Meister“, die sich nicht anpassen konnten an die moderne Welt,
weiterhin im Verborgenen blieben und nur Menschen zu Vampiren formen konnten,
konnten die Grenzgänger genau wie die Hybriden, zu denen auch Jason gehörte,
mitten unter den Menschen leben, aber auch auf andere Vampire ihre Eigenschaft
des „Erschaffens“ durch einen zweiten Biss übertragen. Der einzige Nachteil der
Grenzgänger war, dass sie ab und zu „schlafen“ mussten, und dieser Schlaf
konnte Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern.
Natürlich konnte man auch
Jason als Vampir töten, doch das Geheimnis darum hatte er niemals preisgegeben.
Fest stand, dass die heutigen Hybriden-Vampire immun gegen Sonnenlicht wie auch
gegen die „klassischen“ Waffen waren. Dafür konnten sie keine weiteren Vampire
durch ihren Biss erschaffen. Die Natur sorgte eben immer für einen Ausgleich.
Aber sie hatte nicht vorgesehen, dass ein Mensch und ein Vampir sich verlieben
würden.
* * *
Jason besuchte in dieser
Nacht den Landsitz Marywood außerhalb von London, den letzten bekannten
Wohnsitz des Pianisten und Grenzgänger-Vampirs Richard Tabatha. Das Haus stand
seit nunmehr fast zwei Jahren leer. Lediglich die Haushälterin Lilly und Joshua,
der Butler, bewohnten das Anwesen. Die beiden Menschen waren Vertraute des
Vampirs, unter dessen Einfluss sie auch standen. Tabatha hatte damals Lilly aus
einer Laune heraus von seinem Schicksal und dem seiner geliebten Schwester
erzählt.
Als die damalige Assistentin
von Kommissar Welsch, Tamara Hansen, die seine geheimnisvollen Morde
untersuchte, auf Marywood zu Gast war, erfuhr sie von dem Familiengeheimnis und
verfiel dem Vampir als Gefährtin.
Jetzt geisterte Jason wie
ein Schatten durch dieses weitläufige Haus mit den stilvollen, antiken Möbeln,
die mit weißen Tüchern abgedeckt waren. Er suchte nach Hinweisen auf den
jetzigen Aufenthaltsort von Richard Tabatha – und er fand sie!
Offenbar hatte der berühmte
Pianist seine reichhaltigen Gagen in mehreren Immobilien angelegt, darunter in
eine riesige Farm in Paraguay. Und das Schiff, mit dem er und Tamara damals
geflohen waren, war nach Südamerika unterwegs gewesen.
Paraguay war ein riesiges,
dünn besiedeltes Land und auf einer Rinderfarm mit tausenden von Tieren konnten
er und seine Gefährtin unerkannt jahrelang von Tierblut leben und so unentdeckt
bleiben. Auf diese Weise waren sie nicht von dem künstlichen Blut abhängig, das
die Regierungen den Vampiren lieferten. Ein geniales Versteck. Jason hoffte nur,
dass Tabatha nicht seinen Schlafzyklus begonnen hatte. Seine Gefährtin Tamara
konnte bei seinem Biss genauso gut Grenzgänger wie Hybrid geworden sein. Da war
Jason sich nicht sicher.
Zwei Tage später berichtete
er Rita Hold von seinem Plan.
„Und du denkst wirklich,
dieser Tabatha wird auf den Handel eingehen?“, fragte sie.
„Er hat zumindest keinerlei
Nachteile davon“, grinste Jason.
„Aber du, oder?“
„Nicht direkt. Bisher hat
kein Vampir einen zweiten Biss von einem Grenzgänger empfangen“, sagte er.
„Na toll, zu Risiken und
Nebenwirkungen fragen Sie Dr. Sommer“, ulkte Rita zynisch. Dann wurde sie
wieder ernst. „Ich möchte nicht, dass du dich unnötig in Gefahr begibst“,
meinte sie besorgt.
Jason lümmelte sich auf dem
Sofa, in seiner manchmal flegelhaften Art war er kaum zu ertragen. „Was
möchtest du denn überhaupt?“, fragte er jetzt geradeheraus. „Willst du mit mir
zusammen sein oder nicht? Und wenn ja, in welcher Weise?“
Rita war perplex wegen
seiner direkten Art.
Jetzt lachte er. „Keine
Angst, das war kein Heiratsantrag. Ich will nur wissen, ob es dir mit uns ernst
ist.“
„Du bist einfach
unmöglich!“, schimpfte sie.
„Eben! Überleg dir gut, ob
du mich für den Rest der ‚Ewigkeit’ ertragen kannst.“ Bei diesem Satz lag etwas
Herausforderndes in seinen dunklen Augen. „Noch kannst du zurück, Rita. Ich
werde kein Risiko eingehen, wenn du keine Zukunft mit mir willst.“
Die Gedanken der jungen
Frau fuhren Karussell. Dass er so schnell eine Entscheidung fordern würde,
hätte sie nicht gedacht.
Er stand auf und ging auf
sie zu. Im Gegensatz zu früher wich sie nicht mehr vor ihm zurück. Jedes Mal,
wenn er ihr so nahe war, fühlte sie sich wie ein willenloses Werkzeug.
Vielleicht hatte der Kommissar doch Recht und sie erlag nur der Faszination,
die allen Vampiren eigen war? Sie stand mit dem Rücken zur Wand – nicht nur
bildlich gesprochen. Jason hatte sie wie eine Beute in die Ecke gedrängt. Seine
Arme glitten um ihre Taille, und er küsste sie zum ersten Mal. Sanft und doch
leidenschaftlich. Und als er von ihr ließ, sagte er nur: „Ich will dich ganz
oder gar nicht. Denk darüber nach.“ Dann verschwand er so schnell, wie er
aufgetaucht war.
* * *
Es war das erste Mal nach
Jahrzehnten, dass Rita Hold wieder eine Kirche aufsuchte. Vielleicht konnte man
ihr hier in Sachen „Ewigkeit“ weiterhelfen. Sie hatte das Gefühl, sich in einem
riesigen Labyrinth verlaufen zu haben. Ihr ganzes Herz schien ein einziger
Irrgarten zu sein. Konnte sie ohne Jason leben? Die Antwort lautete: Ja. Aber
wie? Würde sie jemals wieder einen Menschen ertragen können? Oder würde sie
ständig Vergleiche ziehen? Das wäre ungerecht. Sie war eine attraktive Frau
Mitte Dreißig, hatte Karriere gemacht, sich bis zur Kommissarin hochgearbeitet
und wofür das alles? Auf Kinder würde sie verzichten müssen, wenn sie sich für
Jason entschied. Und auf den Tod auch. Jedenfalls auf einen Tod durch
Altersschwäche.
Andererseits würde sie für
immer jung bleiben, ihr Körper würde keine Gebrechen haben, sie würde
miterleben, wie die Jahrzehnte und Jahrhunderte vergingen, wie die Menschen
sich veränderten, wie alles um sie herum starb. Und überhaupt, was würde aus
ihrem Job?
Sie würde höchstens noch
zehn Jahre bei der Kripo Hamburg arbeiten können, dann würde es auffallen, dass
sie nicht mehr alterte. Sie würde ständig neue Identitäten suchen müssen, um
teilzuhaben an der menschlichen Gesellschaft. War es das alles wert?
Rita verbarg ihr Gesicht in
beiden Händen. Sie kniete im Seitenschiff vor einer Marienstatue. Und sie
hoffte, dass irgendjemand ihr einen Weg aus dieser Ausweglosigkeit würde zeigen
können.
Sie wusste nicht, dass
Jason ihr gefolgt war. Er spürte ihre Unsicherheit, ihre Ängste. Gotteshäuser
schreckten die Hybriden-Vampire nicht mehr ab. Jetzt war er nur ein Schatten
hinter einer Säule. Er sah ihre Tränen. Und obwohl er ihre Gedanken hätte lesen
können, tat er es nicht. Er respektierte ihr Zwiegespräch mit Gott.
Auch Ritas Chef,
Hauptkommissar Harald Welsch, hatte bemerkt, dass seine Partnerin in den
letzten Tagen sehr unkonzentriert war. Sie sah blass aus. Welsch hatte sich
bisher zurückgehalten, doch heute sprach er sie an. „Rita, ich sehe doch, dass
es Ihnen nicht gut geht. Falls Sie reden möchten…“
Rita schüttelte den Kopf.
„Schon gut, Chef. Das ist ein rein privates Problem.“
„Und das hat nicht zufällig
mit unserem ‚Freund’ zu tun?“, hakte der Kommissar nach.
Rita lächelte gequält.
Welsch lenkte ein. „Lassen
Sie nur. Es ist Ihre Zukunft und Sie werden schon die richtige Entscheidung
treffen. Sie sind schließlich eine intelligente junge Frau.“ Sein Tonfall war
fast väterlich.
Rita haderte bereits seit
Tagen mit sich selbst und sie war froh, dass Jason sich in der Zwischenzeit
nicht mehr gemeldet hatte. Obwohl sie ihn auch irgendwie vermisste.